Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde !
Es ist schwierig, im Rückblick für das hinter uns liegende Jahr eine Überschrift zu finden.
Sicher gab es eine Reihe von herausragenden Ereignissen, ganz unterschiedlicher Art, so das Atomunglück in Japan, den sog. Arabischen Frühling, die Liquidierung Osama bin Ladens, die Terroranschläge in Norwegen oder die sich zuspitzende Euro-Krise.
Allerdings haben diese Ereignisse, wenn man mal ihren Anteil in der Presse betrachtet, bei weitem nicht in dem Ausmaß die Spalten gefüllt wie eine andere Sorte von öffentlicher Äußerung, die man mit „Empörungs-Kult“ überschreiben könnte.
Das hat schon im Jahr 2010 begonnen, als Bischöfin Margot Käßmann in ihrer Neujahrs- predigt in der Dresdener Frauenkirche angeblich den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr als sinnlos bezeichnete und ihren Abzug forderte, was faktisch gar nicht stimmte.
Ein Sturm der Empörung brach aus.
Ähnlich erging es später Bundespräsident Horst Köhler, der angeblich – was auch nicht stimmte – den Einsatz in Afghanistan aus rein wirtschaftlichen Gründen gerechtfertigt habe.
Und dann kamen Verteidigungsminister zu Guttenberg an die Reihe und schließlich in den letzten Tagen Bundespräsident Wulff.
Da drängt sich die Frage auf, wie es kommt, daß solche vergleichsweise harmlosen Vorgänge derartige publizistische Wellen schlagen.
Und andererseits hört man (fast) nichts davon, daß 2011 in der Welt alle fünf Minuten ein Christ wegen seines Glaubens umgebracht wurde.
Milliarden von Menschen können nur träumen vom Frieden in Deutschland, von unserer medizinischen Versorgung, sozialen Sicherheit oder von unseren Bildungsmöglichkeiten.
Wo liest man die Empörung darüber?
Professor Siemon-Netto aus Kalifornien war vor Weihnachten zu Besuch in seiner Heimatstadt Leipzig, er kommt viel in der Welt herum; im Vorwort der Weihnachtsausgabe der Zeitschrift „idea“ schreibt er an die Leser: „Bevor ich nach Kalifornien zurückkehre, möchte ich den Deutschen sagen: Seien Sie dankbar, in diesem Land zu leben!“
Wie dankbar sind wir eigentlich dafür, daß wir in Deutschland leben dürfen? Und was bringt uns dann dazu, ein riesiges Empörungspotential auf eigentlich doch Nebenschauplätzen freizusetzen ?
Bezeichnend für solches an sich ja begrüßenswertes Sich-engagieren-und-positionieren-wollen ist auch der aktuelle Zuspruch zur Piratenpartei, einer skurrilen Mixtur aus Ehrlichmeinern und Chaosproduzenten.
Was ist der Grund für solches Phänomen?
Professor Siemon-Netto beklagt in seinem erwähnten Beitrag, daß in Deutschland „Konsum zum Religionsersatz“ geworden sei. Dem kann man sicher zustimmen, aber der Konsum ist nicht zur materiell zu verstehen. Da muß man tiefer sehen.
Laut einer Emnid-Unfrage vom Ende letzten Jahres glauben rund 60 % der Deutschen an Gott und Jesus, aber über 80 % lesen selten oder nie in der Bibel. Das heißt, der Glaube ist mehr oder weniger orientierungs- und bindungslos, er kann kaum konkret Sinn und Richtung geben
(Inwieweit dafür ein defizitäres Agieren von Kirchen mitverantwortlich ist, sei hier nicht erörtert.)
Jedenfalls tritt offenbar an die Stelle eines vagen Glaubens mehr und mehr der Konsum, nicht nur der materielle Konsum, sondern auch der Konsum von Mitteilungen, besonders von Mitteilungen, zu denen ich mich ereifern kann. So erfahre ich – zumindest kurzfristig – meine Wichtigkeit. Meine Empörung gibt mir Bedeutung, ich sehe mich eingebunden, ich bin Wer. Das ist Ersatz für „religio“, d.h. Bindung. Und das gibt mir – zumindest kurzfristig – Halt und Orientierung.
Was ist zu tun bei diesem Befund?
Ich meine, genau in solchen Befund hinein spricht die Jahreslosung 2012:
„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“
Auch wenn wir meinen, nichts machen zu können gegen verdrehten Zeitgeist und Moden und Trends, gegen Stürme künstlicher Empörung, gegen ein immer schwammigeres „C“ in unserer CDU … denken wir an die Jahreslosung!
In diesem Sinne wünsche ich uns allen für das vor uns liegende Jahr, daß wir mit Mut und Zuversicht an die nötige Arbeit gehen.
Jeder kann sein kleines oder größeres Scherflein beitragen, Dinge wieder ins rechte, gottgefällige Lot zu bringen.
Und vergessen wir nie, daß der Herr es schon richten wird (Psalm 37).
Mit herzlichem Gruß
Wolfgang Hemkens
Vorsitzender des EAK Wesel